Bereits seit langem wird beobachtet, dass nicht nur das Wachstum bei Mädchen mit Mukoviszidose langsamer ist als bei den Jungen, auch ihre Lungenfunktion ist schlechter. Wenn sie ihr mittleres Alter erreichen, wird die Überlebenszeit von Frauen, die an Mukoviszidose leiden, um 4 - 5 Jahre schlechter eingeschätzt als die von Männern. Laut einer amerikanischen Studie, bei welcher Daten einer großen Anzahl von Mukoviszidose-Versorgungszentren ausgewertet wurden, konnte man davon ausgehen, dass 50% der Frauen im Alter von 25 Jahren noch am Leben waren, während 50% der Männer im Alter von 28 noch am Leben waren. Tatsächlich war in der Altersgruppe unter 20 die Sterbewahrscheinlichkeit bei Mädchen um 60% höher als die von Jungen (1). Über die Ursachen dieses Unterschieds wurde viel spekuliert. Es gibt einige Belege dafür, dass bei Mädchen eine Lungeninfektion durch Pseudomonas aeruginosa früher eintritt. Andere Anzeichen deuten darauf hin, dass bei Mädchen im Teenage-Alter das Gewicht rascher verfällt. Dies wurde zum Teil – jedoch nicht zur Gänze – mit Faktoren der Betrachtung des eigenen Körpers erklärt.
Bei der Analyse klinischer Ergebnisse aus Beobachtungen einer großen Anzahl von Zentren liegt jedoch eines der Probleme darin, dass sie gelegentlich Unterschiede zwischen den einzelnen Zentren verdecken. Daneben können bei internationalen Untersuchungen Unterscheide in der klinischen Praxis zwischen den Ländern bestehen. Im Fall von Dänemark wird beispielsweise gesagt, dass die bemerkenswerten Daten für Überlebensrate und Lebensqualität der Patienten unter Umständen darauf zurückzuführen sind, dass alle Patienten von demselben Zentrum betreut werden und dass allen mit Pseudomonas aeruginosa infizierten Patienten unabhängig von ihrem Unwohlsein alle drei Monate fakultativ reguläre intravenöse Antibiotika verabreicht werden. Mit diesem Verfahren überleben mehr als 80% der Patienten, unabhängig vom Geschlecht, bis in ihre 5.Dekade (2).
Am Royal Brompton and Harefield NHS Trust in London führten wir eine retrospektive Studie zur Untersuchung des klinischen Fortschritts von Kindern und Jugendlichen mit Mukoviszidose (3) durch. Wir verglichen unsere Klinikpopulation 1993 (n=105) mit der Klinikpopulation im Jahr 2002 (n=209) (Querschnittsstudie). Dabei stellten wir fest, dass die Patienten im Jahr 2002 im Vergleich zu denen des Jahres 1993 über eine bessere Lungenfunktion verfügten. In Prozentzahlen des erwarteten exspiratorischen Reservevolumens 1 ausgedrückt, betrug diese 1993: Frauen 86%, Männer 84%, im Jahr 2002: Frauen 93%, Männer 92% (Abb. 1). Die standardisierten Wachstums-Scores bei Frauen und Männer ergaben, dass die Z-Scores von Körpergröße und -gewicht bei Frauen mindestens ebenso gut waren wie bei Männern (Abb. 2). Im Jahr 2004 waren 88% der ursprünglichen Population von 1993, jetzt in ihren Zwanzigern, noch am Leben. Aus diesen beiden Populationen wählten wir zwei Patientenuntergruppen aus und verfolgten deren Lungenfunktion und Wachstum über 5-Jahresperioden, von denen die erste im Jahr 1993 begann, die zweite im Jahr 1998 (Longitudinalstudie). Wir stellten fest, dass Lungenfunktion und Wachstum über die 5-Jahresperiode relativ konstant blieben, das erwartete exspiratorische Reservevolumen1 insgesamt jedoch in beiden Gruppen bei Frauen besser als bei Männern erschien (Abb. 3).
Wir sind der Ansicht, dass die über diesen Zeitraum hinweg verbesserten Zahlen und die Nichtfeststellung eines weiblichen Nachteils möglicherweise auf die offensiven Bekämpfungsstrategien zurückzuführen sind. So ist es beispielsweise unsere Praxis, Pseudomonas aeruginosa bei der ersten Isolierung 3 Monate mit zerstäubten Antibiotika und oralen Gaben von Ciprofloxacin, ähnlich den in Kopenhagen durchgeführten Verfahren (4, 5) zu behandeln. Wächst der Organismus ein zweites Mal, wird ein lebenslang inhaliertes Antibiotikum empfohlen. Bei Kindern mit weiter fortgeschrittener Lungenerkrankung setzen wir auch eine fakultative reguläre 3-monatige intravenöse Anti-Pseudomonas-Antibiotikastrategie ein. Es wäre schwer nachzuweisen, dass eine einzige Methode für sich allein eine Erklärung für unsere Zahlen sein kann. Mit höchster Wahrscheinlichkeit wird die Wirkung durch die vielen unterschiedlichen Versorgungsfaktoren erzielt. Die Aufgabe, den Nachweis für die Signifikanz einer einzelnen Behandlungsfolge zu führen, bleibt schwierig und kontrovers (6).
Die Gesamtbotschaft unserer Arbeit läuft jedoch darauf hinaus, dass es keinen Grund gibt, warum es Mädchen mit Mukoviszidose nicht genauso gut gehen soll wie den Jungen. Zentren, bei denen es noch eine Geschlechterdiskrepanz zu Gunsten der Jungen gibt, sollten ihre Bekämpfungsmethoden prüfen.
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Abb. 1: Querschnittsanalysen. Erwartete Prozentwerte des exspiratorischen Reservevolumens1 (in 1 Sekunde, FEV1) weiblicher und männlicher Mukoviszidose-Patienten aus den jährlichen Überprüfungsunterlagen 1993 und 2002. Die horizontalen Linien stellen die Medianwerte dar. |
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Abb. 2: Querschnittsanalysen. Erwartete Prozentwerte der Einatmungs-Vitalkapazität (FVC, Forced Vital Capacity) weiblicher und männlicher Mukoviszidose-Patienten aus den jährlichen Überprüfungsunterlagen 1993 und 2002. Die horizontalen Linien stellen die Medianwerte dar. |
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Abb. 3: Längsanalysen. Die Darstellung zeigt den Trend der Medianwerte von erwarteten Prozentwerten FEV1 (exspiratorischen Reservevolumens in 1 Sekunde) bei in fünf aufeinander folgenden Jahren 1993-1997 und 1998-2002 überprüften männlichen und weiblichen Mukoviszidose-Patienten. Die Fehlerbalken stellen die oberen und unteren Quartilwerte zu den Medianwerten dar. |
Roger Buchdahl MBBCh, MD FRCP FRCPCH erwarb seinen Dr. med. (MD) im Jahr 1990 an der Universität Cambridge mit seiner Dissertation “The Relationship between Resting Energy Expenditure, Growth, Malnutrition und Pulmonary Disease in Cystic Fibrosis” (Die Beziehung zwischen Ruheenergieaufwand, Wachstum, Mangelernährung und Lungenkrankheit bei Mukoviszidose). Gegenwärtig ist er konsultierender Kinderarzt im Bereich pädiatrischer Atemerkrankungen am Royal Brompton und am Harefield NHS Trust in London – beides weltbekannte Zentren für die Behandlung von Herz- und Lungenkrankheiten. Ebenso ist er Berater im Bereich Allgemeine Pädiatrie am Hillingdon Hospital, Middlesex, England. Roger Buchdahl ist Autor zahlreicher wissenschaftlicher Artikel im Bereich pädiatrischer Atemerkrankungen wie Mukoviszidose, Luftverschmutzung und Asthma.
Andrew Bush MB BS(Hons) MA MD FRCP FRCPCH ist Professor für Pädiatrische Respirologie am Imperial College sowie Honorary Consultant Paediatric Chest Physician am Royal Brompton Hospital und Harefield NHS Trust in London, England. Er erwarb seinen Dr. med. (MD) im Jahr 1987 an der Universität (Cambridge) für seine Forschung über die funktionelle Bewertung des Pulmonalkreislaufs im Menschen. Er ist Verfasser zahlreicher Forschungsartikel über Mukoviszidose und war geladener Sprecher bei vielen Mukoviszidose-Forschungskonferenzen. Zu den gegenwärtigen Forschungsinteressen und Veröffentlichungen im Bereich pädiatrischer Atemerkrankungen zählen invasive und nicht-invasive Überwachung von Atemwegsentzündungen und schwerem Asthma.
Nisha Verma erwarb ihr Bakkalaureat (BSc) in Respiratorischer Wissenschaft im Jahr 2005 und studiert gegenwärtig Medizin im letzten Jahr an der Imperial College School of Medicine in London. Wir setzen große Hoffnung darauf, dass sie nach ihrem Abschluss im Juni 2006 ihr Interessensgebiet und ihre Forschungsstudien im Bereich Mukoviszidose weiterverfolgt.
The original paper “Is there a Gender Gap in CF?” was published in Chest: The Cardiopulmonary and Critical Care Journal. To view a PDF of the full research paper, visit http://www.chestjournal.org/cgi/content/full/128/4/2824. Chest is the official publication of the American College of Chest Physicians (ACCP). Each month it features cutting edge clinical investigations in the multidisciplinary specialties of chest medicine, such as pulmonology, cardiology, thoracic surgery, transplantation, sleep and breathing, airways disease, and more. Chest also features basic science, special reports, case reports, board review questions, and more.
Quellen und weiteres Lektürematerial
1. Rosenfeld M, Davis R, FitzSimmons S et al. Gender gap in Cystic Fibrosis Mortality. Am J Epidemiol 1997; 145:794-803
2. Frederiksen B, Lanng S, Koch C, Hoiby N. Improved survival in the Danish center-treated cystic fibrosis patients: results of aggressive treatment. Pediatr Pulmonol. 1996;21:153-158.
3. Verma N, Bush A, Buchdahl R Is there still a gender gap in cystic fibrosis? Chest 2005; 123: 2828-34
4. Frederiksen B, Koch C, Hoiby N. Antibiotic treatment of initial colonization with Pseudomonas aeruginosa postpones chronic infection and prevents deterioration of pulmonary function in cystic fibrosis. Pediatr Pulmonol. 1996;23:330-335.
5. The Royal Brompton and Harefield NHS Trust: Clinical Guidelines for the Care of Children with Cystic Fibrosis 2003. www.rbh.nthames.nhs.uk/childrencf
6. Fiel SB. Early aggressive intervention in cystic fibrosis: is it time to redefine our "best practice" strategies? Chest. 2003; 123:1-3